Pfleger laufen mehr als Ärzte. Ärzte haben dafür einen höheren Puls. Weniger als ein Prozent aller Patienten muss sofort behandelt werden. Und 22,8 Prozent der Fälle sind überhaupt nicht dringend.
NOT-AUFNAHME
stern-Reporter haben eine Woche lang in die Notaufnahme des Hamburger Marienkrankenhauses geblickt. Sie saßen mit im Behandlungszimmer und bekamen Übersicht über alle Krankheitsbilder der Woche. Sie statteten Ärzte und Pfleger mit Fitness-Trackern aus und nahmen ihre Belastung auf.
Die Ergebnisse zeigen, dass Pflegekräfte die stillen Helden der Notaufnahme sind. Dass eine Wiederbelebung auch einen Mediziner nicht kaltlässt. Und dass Bürokratie und Sitzen eine größere Rolle einnehmen, als sie vielleicht eigentlich sollten.
Die Frau, die da vor einem durchs Krankenhaus läuft, kennt nur ein Tempo: schnell. Man hat Mühe, mit ihr Schritt zu halten. Sie eilt von Zimmer zu Zimmer. Für die Patienten soll so viel Zeit wie möglich übrigbleiben. Also gibt sie auf dem Gang Gas. Claudia Piper leitet die Pflege in der Notaufnahme des Hamburger Marienkrankenhauses, sie betreut ein Team mit 50 Mitarbeitern. Seit 35 Jahren arbeitet sie in der Gesundheits- und Krankenpflege. Und der Druck war nie höher als heute. Patienten pflegen, Mitarbeiter motivieren, neue Mitarbeiter werben, Neuerungen für die Abteilung und das Krankenhaus bewerten, Dienstpläne checken. Claudia Piper muss am besten alles gleichzeitig erledigen. Sie sagt: "Jeden Tag gegen die gleichen Windmühlen ankämpfen zu müssen, das ist sehr anstrengend."
Eine Stütze für die anderen
Piper hat nicht nur hohes Tempo, sondern läuft in einer Acht-Stunden-Schicht auch im Schnitt mehr als zwölf Kilometer – und damit deutlich mehr als die beteiligten Ärzte. Zum Vergleich: Ein Briefträger kommt am Tag im Schnitt auf 14 Kilometer, ein Polizist auf durchschnittlich fünf Kilometer, wie eine Untersuchung der Universität Heidelberg zeigte. Die Wege in der Notaufnahme sind nicht lang, aber sie summieren sich: schnell zum piependen Überwachungsmonitor laufen, zurück an den Rechner, neue Patienten aufrufen, nach Notfällen sehen. In Deutschland versorgen zwei Pflegekräfte im Schnitt 25 Patienten.
Gemessen wurde die Distanz von fünf Ärzten und sechs Pflegekräften
Einer von ihnen ist Ivan (Name geändert). Er liegt in einem kleinen Untersuchungsraum, kaum zehn Quadratmeter groß. Auf seiner Stirn klebt kalter Schweiß. Der Kroate hat eine kaputte Herzklappe. Und er trinkt zu viel, heute schon einige Biere. Im Kroatienkrieg arbeitete er als Sanitäter. Noch immer kann er sich gut an die Patrone erinnern, die knapp seinen Kopf streifte. Ivan entwickelte eine posttraumatische Belastungsstörung und suchte einen Neuanfang in Deutschland. Doch die Probleme kamen mit. Eines Tages wartete Ivan auf die einfahrende S-Bahn. Er wollte nicht mehr. Eine große Narbe, die sich quer über seinen Bauch zieht, erzählt von dieser Zeit.
Eine Lebensgeschichte in fünf Minuten, und Claudia Piper hört sie sich geduldig an, trotz Zeitdruck. "Ich wollte schon immer helfen", sagt sie. Doch neben den eigenen Problemen noch die der anderen auszuhalten, das fällt nicht immer leicht. Denn so routiniert sie auch arbeitet, privat findet sie keinen Halt. Viele von Pipers Angehörigen erkranken an Krebs, seit 2009 ist die ganze Familie verstorben. Ihre Mutter begleitet sie sieben Wochen lang in einem Hospiz. Auch ihr Lebenspartner stirbt viel zu früh, mit 46 Jahren. Er wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. "Die letzten zehn Jahre waren sehr schwer", sagt Piper. "Aber weitermachen war die Devise."
Der Beruf habe ihr immer Halt und Struktur gegeben, sei eine Art Stützkorsett gewesen. Hier ist sie eine Stütze für andere.
Papierkram und Patienten
Menschen helfen – das ist auch einer der Gründe, warum sich Johannes Schade entschlossen hat, Arzt zu werden. Schade ist ein großer Mann mit wachem Blick. Der junge Assistenzarzt arbeitet seit einem halben Jahr in der Notaufnahme – und verbringt viele Stunden am Tag im Sitzen. Nicht am Patientenbett, sondern in einem 16 Quadratmeter großen Raum, dicht an dicht mit seinen Kollegen. Wenn niemand spricht, ist nur das Klackern der Tastaturen zu hören, auf denen sie ihre Arztbriefe schreiben. Ab und zu spuckt ein Drucker fertige Dokumente aus. Wer hier sitzt, bekommt vom hektischen Trubel der Notaufnahme kaum etwas mit. Das Zimmer erinnert eher an den Informatikraum einer Schule. Schade arbeitet konzentriert, sein Puls schlägt 60 Mal in der Minute.
Engel in Weiß. So werden Ärzte oft genannt. Doch der Alltag hat wenig gemein mit dem Mythos, den Fernsehsendungen wie "Emergency Room" oder "Dr. House" kreieren. Nach Informationen des Marburger Bundes, Verband der angestellten Ärztinnen und Ärzte, sind 54 Prozent der Klinikärzte täglich mehr als zwei Stunden mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt. Oder anders ausgedrückt: Ein Viertel des Arbeitstages verbringen Ärzte vor dem Rechner, schlagen sich mit Tabellen, Scannern und Druckern herum – anstatt sich um kranke Menschen zu kümmern.
Plötzlich ruft eine Krankenschwester nach Schade.
Einem älteren Mann geht es schlecht. Sein Bauch hebt und senkt sich schwerfällig, seine Augen sind geschlossen. Die Stimmung ist angespannt. Etwas stimmt nicht. Ein Schnelltest zeigt einen extrem niedrigen Hämoglobin-Wert. Das Protein ist überlebenswichtig und transportiert Sauerstoff durch den Körper. Niedrige Werte sind kritisch, sie deuten oft auf innere Blutungen hin. "Hallo, Herr Meyer*. Schade ist mein Name. Ich bin hier der Arzt. Es geht ihnen nicht gut, oder?" Der ältere Mann stöhnt: "Alles fühlt sich schwach an." Schade untersucht den Patienten. Die Liste der Medikamente, die er nimmt, ist lang – darunter sind auch Blutverdünner. "Wissen Sie, warum Sie das Mittel nehmen?" Der Mann kann nicht mehr richtig antworten.
Schnell steht fest: Der Patient muss bleiben. Bleibt die Frage: Wo?
Schade wählt die Nummer der Intensivstation. Voll. Vielleicht lasse sich ein Patient verlegen, sagt die Person am anderen Ende der Leitung. Man werde sich wieder melden. Auf den Monitoren sieht man den sinkenden Blutdruck des Patienten.
Schade muss jetzt am Rechner die Krankengeschichte dokumentieren, während sich Pflegekräfte um den Mann kümmern. Jeder Patientenbrief wird persönlich vom Arzt erstellt. Es fehlt ein Diktafon, es fehlt eine Schreibassistenz. "Man müsste den Bürokratiewahnsinn abbauen", sagt Schade. Die lange Medikamentenliste macht Probleme. Normalerweise lässt sie sich mithilfe von QR-Codes einscannen, doch die Technik streikt. Alles muss von Hand eingetippt werden. Dann der erlösende Anruf von der Station: Ein Bett sei nun frei. Nach 50 Minuten beendet Schade sein Dokument und bringt den Patienten nach oben. "Das ging jetzt alles sehr schnell", betont Schade.
Fehlende Kapazitäten auf anderen Stationen sind problematisch. Dann stauen sich die Patienten, obwohl sie verlegt werden müssten. Die Notaufnahme wird zu einem Flaschenhals. Manchmal muss Schade bis zu einer Stunde herumtelefonieren, bis er einen Patienten unterbekommt. Nicht immer im eigenen Krankenhaus. Ist es nicht absurd, dass sich der Arzt wie ein Bittsteller selbst um ein Bett für die Patienten kümmern muss? Schade zuckt mit den Schultern. Ist so. Er kennt es nicht anders. Krankenhausalltag. Doch das Prozedere frisst Zeit, die am Ende für die eigentliche Arbeit mit den Patienten fehlt.
Die Probleme haben System: In einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach klagten 61 Prozent der Klinikärzte über zu wenig Zeit für die Behandlung von Patienten. Ein drastischer Anstieg. 2016 war rund jeder zweite befragte Arzt dieser Meinung. Die Bürokratie ist eine Ursache. Aber auch ökonomischer Druck spielt eine Rolle. Kliniken rechnen ihre Leistungen nach dem Fallpauschalensystem ab. Und das sieht keine Vergütung für Patientengespräche vor.
Der ständige Zeitdruck hinterlässt auch körperliche Spuren. Fast jeder zweite Arzt in Deutschland berichtet nach einer Umfrage des Gesundheitsportals Medscape über emotionale, mentale und körperliche Erschöpfung. Nach einer Erhebung des Marburger Bundes klagen drei von vier Krankenhausärzten über Überlastung.
Not ist ein dehnbarer Begriff
Mit wenig Zeit müssen Ärzte einer Vielzahl von Patienten gerecht werden. 39.258 waren es allein in der Notaufnahme des Marienkrankenhaus im vergangenen Jahr. Es kommen Patienten mit Herzinfarkt und Patienten mit Husten. Menschen, die in Lebensgefahr schweben und Menschen mit banalen Infekten. Alkoholkranke und Junkies. Ältere und chronisch Kranke. Diabetes-Patienten mit stillem Infarkt. Hyperventilierende Teenager.
Studien zeigen: Sechs von zehn Patienten, die in Deutschlands Notaufnahmen sitzen, haben hier eigentlich nichts verloren. Sie wären bei einem Hausarzt besser aufgehoben. Warum kommen sie trotzdem? Die Wahrheit ist: Not ist ein sehr dehnbarer Begriff, wenn es um die eigene Gesundheit oder die seiner Liebsten geht. Angst und Unwissen spielen eine große Rolle. Kassenpatienten warten mitunter Monate auf einen Termin beim Facharzt. Genug Zeit, um ins Grübeln zu kommen: Sind die Kopfschmerz-Attacken harmlos – oder Anzeichen einer ernsten Krankheit? Not ist manchmal schlicht Ausdruck der Angst, schwer krank zu sein.
Nicht die wahren Notfälle zehren an den Nerven. Es ist die schiere Menge an unterschiedlichen Anforderungen, die bei Schade das latente Gefühl erzeugt, permanent im Verzug zu sein. Oft halten ihn Fälle wie jener einer jungen Frau auf, die "seit Monaten" über Bauchschmerzen klagt. "Auf einer Skala von eins bis zehn, eins heißt leichter Schmerz, zehn bedeutet Kind bekommen, wo würden Sie den Schmerz einstufen?", fragt Schade sie. "Zehn", kommt es blitzschnell zurück.
Zehn. Er gestattet sich nicht die geringste Gefühlsregung, obwohl er weiß, dass es nicht stimmen kann, nicht in medizinischer Hinsicht. Und doch sieht man in diesem Moment, warum es zu den hohen Anforderungen seines Jobs zählt, die eigenen Gefühle unter der Oberfläche zu halten, leicht spannt sich sein Gesicht.
Am Ende fordert er ein Blutbild an, fährt den Bauch mit dem Ultraschallgerät ab und lässt den Bauchraum röntgen, um einen Darmverschluss auszuschließen. Er tut all dies, obwohl er das Ergebnis bereits kennt. "Hier, sie ist ein bisschen verstuhlt", erklärt er mit Blick auf das Röntgenbild, "ansonsten sieht man da nichts. Zehn von zehn, das ist völlig verrückt."
Patienten neigen dazu, die eigenen Beschwerden zu überzeichnen, weil sie Ärzte oft von der Schwere ihres Leids überzeugen wollen. "Das sind die Patienten, die ich am schwierigsten finde. Die sind nicht authentisch", sagt Schade. "Es ist mir viel lieber, wenn einer hier ankommt und sagt, dass er vor allem Angst hat. Das hilft bei der Einordnung."
Erläuterung: Absolute Zahlen aus der Notaufnahme des Marienkrankenhauses Hamburg im Jahr 2018. Die Auswahl der Einzelkategorien erfolgte redaktionell.
Und doch geht Schade bei jedem Patienten mit enormer Sorgfalt vor. "Man will nichts Gefährliches übersehen." Der Patient ist anspruchsvoll geworden – und mit ihm ist der Anwalt nicht fern, wenn etwas schiefgeht. Oder schiefzugehen scheint. Also lässt Schade im Zweifel die ganze Diagnostik anlaufen um alle Eventualitäten abzuklären. Doch schneller nimmt der Patientenberg damit nicht ab.
Claudia Piper lenkt den stetigen Patientenansturm in geordnete Bahnen. Bevor der Arzt mit der Diagnostik beginnt, untersucht sie jeden einzelnen Patienten, hört das Herz ab, fragt nach Beschwerden. Danach ordnet sie ihnen eine von fünf Dringlichkeitsstufen zu. Triage nennt sich das System. Wer Anzeichen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls hat, ist sofort an der Reihe. Patienten mit einfachen Infekten müssen warten – bis zu 120 Minuten. Und länger.
Leben im Dauerstress
Piper hat sich mit den Jahren ein dickes Fell zugelegt. Sie sagt, was sie denkt und spart gerne an Höflichkeitsfloskeln, wenn es um Organisatorisches geht. Doch den Patienten begegnet sie mit Empathie. "Harte Schale, weicher Kern", der Spruch ist eine Plattitüde. Doch auf Piper trifft er zu. Sie kann Ängste nehmen. Eine ältere Frau kommt in den Raum. "Meine Liebe", sagt Claudia Piper. "Sie haben aber eine glatte Haut. Wie machen Sie das?"
Das Schicksal eines Patienten geht ihr besonders nahe. Um 12.12 Uhr ruft sie einen Mann zu sich ins Zimmer, Ende 40, er klagt über Magenschmerzen. Sein Arzt hat ihn nach einem Ultraschall ins Krankenhaus geschickt. Verdacht: Magenkrebs.
Krebs. Claudia Pipers Puls steigt. Sie hat schon einige Menschen daran zugrunde gehen sehen. Ihr tut der Mann leid. Während sie mit ihm spricht, beginnt sie mit der Standard-Triage und verkabelt ihn, um ein EKG aufzuzeichnen. Doch die Kontakte bekommen kein richtiges Signal. Noch ein Versuch. Wieder nichts. Claudia Piper flucht. 104 Mal in der Minute pocht ihr Herz in diesem Moment – der Höchstwert der Schicht. An diesem Tag werden noch viele Menschen bei ihr Platz nehmen. Eine kurzsichtige Frau, die stürzte. Ein Mann mit geschwollenem Ohr. Ein junger Informatiker, der beim Mittagessen aus Versehen Scherben schluckte. Und ein Kellner. Ausgebrannt, mit starken Schmerzen, für die sich keine Ursache findet.
Als Leiterin des Pflegeteams müsste sich Claudia Piper eigentlich um die Verwaltung kümmern. Trotzdem arbeitet sie zusätzlich im normalen Schichtdienst. Sie will ihr Team nicht alleine lassen – und kann es auch nicht. Im Pflegeteam des Marienkrankenhauses sind im Moment zweieinhalb Stellen unbesetzt. Seit diesem Jahr gelten für vier Krankenhausbereiche Pflegeuntergrenzen. Sie schreiben einen bestimmten Schlüssel an Pflegekräften vor. Wird dieser unterschritten, müssen Betten gesperrt werden, um Strafzahlungen zu vermeiden. Piper macht kein Geheimnis daraus, dass der Stress Spuren hinterlässt. Sie schläft schlecht, wacht oft auf, manchmal schmerzt der Magen.
Pfleger gesucht
In diesem Januar wird sich die Situation verschärfen. Dann verlassen drei weitere Pflegekräfte das Krankenhaus. Zwei von ihnen arbeiten am Empfang und geben die starken Aggressionen der Patienten als Grund für den Wechsel an. Wer von jedem Patienten Dankbarkeit erwartet, landet hier schnell auf dem Boden der Tatsachen. Manch einer, der im Wartezimmer Platz nimmt, empfindet die Arbeit des Personals als Dienstleistung – und wird sauer, wenn er nicht schnell genug an der Reihe ist.
Es gibt kaum ein Krankenhaus, das keine Probleme hat, offene Stellen in der Pflege zu besetzen. Ein Blick in die Statistik der Bundesagentur für Arbeit zeigt: 2018 gab es 100 gemeldete offene Stellen für Krankenpflegefachkräfte – denen 41 gemeldete Arbeitslose gegenüberstanden. 154 Tage – rund fünf Monate – dauert es im Schnitt, eine Stelle mit einer Pflegefachkraft zu besetzen. 55 Tage länger als bei anderen Berufen.
Fehlende Nachwuchskräfte sind ein großes Problem. Der Job gilt als stressig, zudem wenig lukrativ. Fachkräfte in der Krankenpflege verdienen im bundesweiten Schnitt monatlich rund 3.300 Euro brutto. Das Gehalt variiert stark von Bundesland zu Bundesland. Vor allem Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen haben das Nachsehen: Hier kommen Gesundheits- und Krankenpfleger im Schnitt nicht einmal auf 3000 Euro brutto.
Menschen, die sich trotzdem für diesen Beruf entscheiden, sind Idealisten. So wie Claudia Piper. Neben dem Job engagiert sie sich in einem Tierwohlverein und hilft einer älteren Damen über die Runden, die von einer mickrigen Rente leben muss. "Helfen", dieses Wort fällt oft, wenn man mit ihr spricht.
Die Personaldecken sind dünn, auch bei den Ärzten. Gerade ein Jahr ist es her, dass die Kollegen in der Asklepios-Klinik Sankt Georg in Hamburg ihre Notaufnahme für internistische Fälle sechs Stunden schließen lassen mussten, weil kein Arzt mehr zur Hand war. Im Schnitt zehn Schichten bewältigt Schade allein im Monat, ohne internistischen Facharzt an seiner Seite. Nach fünf Tagen in der Abteilung hatte er zum ersten Mal alleine Dienst, "da habe ich die Nacht davor schon schlecht geschlafen".
Das Telefon klingelt – Herzstillstand
In der Notaufnahme des Marienkrankenhauses geht ein Anruf ein. Ein älterer Mann ist auf der Straße zusammengebrochen. In zwölf Minuten wird der Rettungswagen am Hintereingang vorfahren. Ein Herzstillstand, so viel weiß Schade schon. Die Sanitäter haben bereits mit der Wiederbelebung begonnen.
Zwölf Minuten. Ist er nervös? Schade läuft los, noch bevor er antwortet. "Das ist es nicht", sagt er schnell, "ich habe kurz überlegt, in welchen Raum ich als Nächstes muss – und was ich in den zwölf Minuten noch unterbekomme."
Schade eilt in das Arztzimmer mit den Computern. Er setzt sich in die Mitte. Er muss der Frau ein Bett suchen, die er vor 30 Minuten untersucht hat. Vorhofflimmern, Typ-2-Diabetes, Ödeme am Bein. "Das ist ein Potpourri an Problemen, da kann das Herz der Auslöser sein – die Niere. Die Frau ist schwer erkrankt, die muss hierbleiben." Schade wählt die Nummer der Kardiologie. Voll. Er blickt erneut auf seinen Zettel. "Die Kardio-Geriatrie, das passt." Er wählt an: "Ich hätte eine Patientin, 1951 geboren, man kann gut mit ihr kommunizieren", erklärt er mit zuvorkommender Stimme. Dann huscht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht. Gebongt. Ein Problem weniger.
Als er sich dem nächsten Patienten zuwenden will, klingelt das Telefon zum zweiten Mal. Sie sind da. Schade greift nach einem Notfallkoffer und eilt hinaus in den Gang, drei Rettungssanitäter und ein Notarzt stürmen bereits mit einer Liege auf ihn zu. Mit voller Wucht vollzieht einer der Männer eine Herzdruckmassage. Immer wieder springt der leblose Körper unter dem Druck der Hände aus dem Kissen.
Schade folgt den Sanitätern in den Aufzug, 118 Schläge pro Minute beträgt sein Puls in diesem Moment, wie die Auswertung seiner Biodaten später ergeben wird. Maximale Konzentration, doch kein Gefühl der Überforderung, nicht jetzt. Jetzt ist Routine gefragt.
Im ersten Stock übernimmt ein Assistenzarzt auf der Intensivstation den Patienten. Schade tritt ein paar Schritte nach vorne und beginnt, den Corpuls, eine Maschine zur automatischen Herz-Druckmassage, auf den Brustkorb des Mannes zu montieren. Der Monitor zeigt einen Rest elektrischer Aktivität. Der Kampf ist noch nicht verloren. Nicht für den Patienten. Nicht für ihn, einen der Ärzte.
Schade hat dem Patienten einen Zugang gelegt. Nun steht er am Kopfende des Bettes, in dem sich der Körper des Mannes hebt und senkt. Dann die Ansage des Kollegen: "Wir schalten ab." Der lärmende Corpuls verstummt. Einen kurzen Moment verharrt der Raum in Stille. Der Kampf um ein Menschenleben ist beendet.
Schade richtet das Wort an die Kollegen: "Ich gehe dann wieder runter." Als er im Aufzug die Betroffenheit seines Begleiters sieht, sagt er ruhig: "Das erste Mal so etwas mitzuerleben, ist ein eigenartiger Moment, ich weiß."
In der Notaufnahme angekommen, eilt er zurück ins Arzt-Zimmer. Der Kampf mit der Fülle an Patienten wird schließlich nicht draußen in den Behandlungszimmern gewonnen, sondern hier, am Bildschirm.
Um 21.52.07 Uhr, genau 13.52.07 Stunden, nachdem er seinen Dienst angetreten hat, nimmt Schade seinen Fitnesstracker ab, der die Biodaten seines Tages vermessen hat. Etwa acht Kilometer ist er gelaufen. 2096 Kalorien hat Schade verbraucht. Nun sitzt er zum zweiten Mal an diesem Tag im Aufenthaltsraum, nach den zehn Minuten am Mittag, in denen er einen Salat verschlungen hat.
Was bereitet ihm am meisten Stress?
"Der Berg. Man arbeitet immer gegen den Berg an. Betten suchen, Dokumentation. Und hinten laufen immer mehr Patienten ein."
Schade liebt, was er tut. Schätzt den Zusammenhalt im Team. Er fordert nicht mehr Geld für den ganzen Druck. "Anderswo wird auch hart gearbeitet." Aber natürlich würde eine Arbeitskraft mehr in seinem Bereich vieles verändern.
Er ist noch immer jung mit gerade 37 Jahren. Er weiß noch nicht, ob er ein Leben lang im Krankenhaus bleiben wird. Und wenn ja, in welcher Form. Der Schichtdienst gilt als massiver Stresstreiber für den Organismus. Die Sportmedizin lockt ihn. Auch wegen ihrer geregelten Arbeitszeiten.
Schade steht auf. Es wird Zeit. Drei Nachtdienste warten in den nächsten Tagen auf ihn, das heißt: drei Mal zwölf Stunden. Allzu oft ohne jeden Schlaf.
Der Mann, der unter seinen Augen starb, wirkt schon jetzt wie eine ferne Erinnerung. Schade sagt, man lerne, sich emotional zu distanzieren, man lerne den Umgang mit solchen Fällen. Der Tod sei nicht die größte Belastung seines Alltags. "Er ist ein natürlicher Bestandteil unserer Welt. Wir leben mit ihm."
Veröffentlicht am 30. Dezember 2019
Autoren: Leonhard Eckwert*, Mathias Schneider, Ilona Kriesl
Datenerhebung und -aufbereitung: Leonhard Eckwert
Redaktion: Christoph Fröhlich, Katharina Grimm
Fotos: Bertram Solcher
Infografik: Bettina Müller
Video: Steven Montero, Florian Saul
Produktion: Patrick Rösing
Entwicklung: Per Rabe
*Stipendiat im Rahmen des Google News Initiative Fellowship